
Die künstlerischen Ausführungen der Protestler sind sowohl elegant als auch kreativ. Hier eine Referenz auf das berühmte Gemälde "Freiheit führt das Volk" von Eugene Delacroix. Quelle: Telegram
Während der Proteste in Hongkong im Sommer 2019 hat sich nicht nur eine spezielle Kommunikation über private Chatgruppen entwickelt, sondern auch eine besondere Art der Protestkunst. Die Plakate der Künstler spiegeln die Stimmung unter den Demonstranten und die politische Lage wider.
Die Demonstrationen in Hongkong gegen das geplante Auslieferungsgesetz dauern nun bereits mehrere Monate an. Der Gesetzesentwurf, durch den die Proteste im Juni ausgelöst wurden, würde es erlauben, dass Hongkonger nach China ausgeliefert werden können und damit über einen Umweg dem festländischen Rechtssystem unterliegen.
Unter den vielen jungen Aktivisten befinden sich auch einige Kreative und so hat sich eine besondere Art der Posterkunst entwickelt. Dabei werden die Poster oder Flyer nicht mehr unbedingt auf der Straße verklebt oder verteilt, sondern oft einfach anonym über Telegram und andere Online-Messenger geteilt.
Die Plakate dienen zum einen dem Verbreiten von Informationen über die Proteste, zum anderen aber auch dazu, die Gründe für den Protest und Wahlsprüche bekannt zu machen. Den Aktivisten werden so bestimmte Prinzipien der Bewegung und Taktiken für die Demonstrationen aufgezeigt.
Aufforderung zum Protest

Quelle: Telegram
Zum Beispiel trägt die Katze in diesem Bild all das, was den Demonstranten als Ausrüstung bei den Protesten empfohlen wird. Außer dem obligatorischen Regenschirm, mit dem man sich gegen Tränengas schützt, finden sich auch ein isotonisches Getränk, eine Atemmaske und eine Schutzbrille. Auch eine Regenjacke sollten die Demonstranten für alle Fälle dabeihaben. Auf dem Band, das sich die Katze um den Bauch gewickelt hat, steht das chinesische Wort für Revolution革命.

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Auf diesem Bild sind friedliche Protestler mit Atemmasken abgebildet. Auf der rechten Seite ist der Slogan: „Rechtsstaatlichkeit ist die Entschuldigung, Demütigung die Realität.“ zu lesen. In Anlehnung an die #metoo Bewegung verwenden die Hongkonger das Hashtag #protesttoo. Unter dem Ort der Veranstaltung, Chater Garden 遮打花园 steht: „Schützt die Würde der Hongkonger.“ Chater Garden ist sowohl einer der Ursprungsorte als auch Namensgeber der „Regenschirm-Bewegung“.
Fünf Forderungen

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Nachdem am 11. August eine Demonstrantin durch ein Gummigeschoss ihr Augenlicht verlor, sind die Augenbinde oder das verdeckte rechte Auge zu einem Symbol für die Proteste geworden. In etwa zur gleichen Zeit wurden die fünf Forderungen für die politische Zukunft Hongkongs aufgestellt. Der Slogan auf den Spruchbändern, die hinter dem Mädchen zu sehen sind, lautet: „Fünf Forderungen, keine weniger!“

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Auch hier werden diese fünf großen Forderungen noch einmal thematisiert. Sie beinhalten den vollständigen Widerruf des Auslieferungsgesetzes, die Rücknahme der Bezeichnung „Aufstand“ für die Proteste, die Freilassung aller Demonstranten, die bei den Protesten festgenommen wurden, eine Untersuchung der Polizeigewalt während der Demonstrationen und den Rücktritt der Hongkonger Regierungschefin Carrie Lam.
Verhärtete Fronten

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Im Laufe der Monate wurde zwar die Berichterstattung in den Medien weniger, aber die Fronten verhärteten sich. Seit einigen Wochen wird auf den Plakaten immer offener für die Hilfe des Westens geworben. Hier zu sehen auf einem Bild, das zu einem „Gebet für Demokratie in Hongkong“ aufruft.

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Ein weiteres Stilmittel, das von den Hongkonger Künstlern mittlerweile mit Freude genutzt wird, ist der Nazivergleich. Wie auf diesem Plakat zu sehen, wird die VR China durch die Benutzung von Hakenkreuzen mit dem faschistischen Regime gleichgesetzt, das in Deutschland von 1933 bis 1945 herrschte. Für Deutsche mag dies etwas befremdlich anmuten, allerdings ist die Wut über die Polizeigewalt und die Ohnmacht unter den Protestlern mittlerweile so enorm, dass fast jedes Mittel recht ist, um den eigenen Standpunkt zu illustrieren.
Plakate sind natürlich als Mittel des Protestes nicht neu. Was neu ist, ist die Verbreitung der Flyer über das Internet und die schiere Flut von Plakaten, die in den Online-Gruppen jeden Tag veröffentlicht wird. Die Plakate sind teils informativ, teils ironisch, teils provokant und stellen häufig Kommentare zu den aktuellen Ereignissen und der Stimmung unter den Protestierenden dar. So kann man die Kunst auch als Persiflage auf die chinesische Propaganda sehen.
Selbstverständlich sind die hier gezeigten Bilder nur ein extrem kleiner Ausschnitt der Unmengen an produzierten Plakaten. Noch mehr Beispiele finden sich in unserer Galerie.
Falls Sie selbst oder jemand, den Sie kennen, die Urheberrechte an einem dieser Bilder haben, schreiben Sie uns gerne eine Email an stimmen-aus-china@asienhaus.de, damit wir dies in dem Artikel vermerken können.
Galerie:
- „Große Demonstration, Tsuen Kwei Tsing“ Teilweise erinnern die Plakate an kommunistische Agitationskunst aus Südamerika.
- „Polizeigewalt untersuchen!“ Viele Plakate richten sich gegen von Polizisten ausgehende, sexualisierte Gewalt. Siehe dazu: https://www.bbc.com/news/world-asia-china-49505901
- Dieses Plakat weist auf die Demütigungen (凌辱) durch die Polizei hin, denen die Hongkonger nach eigenen Angaben ausgesetzt sind. Dabei wird auf die Übergriffigkeit von Polizeimaßnahmen wie das erzwungene Spreizen der Beine oder die gewaltsame Entfernung von Kleidung hingewiesen.
- „Die ganze Welt ist gegen Totalitarismus.“ Die Polizeigewalt rückte immer mehr in den Fokus der Proteste.
- „Wir schwören, Hongkong die Ehre zurückzugeben. Das ganze Volk gratuliert schwarz gekleidet den Nazis.“ Schwarze Kleidung, Atemmaske und Regenschirme wurden Erkennungszeichen für die Proteste gegen den chinesischen Einfluss.
- In einigen Plakatmotiven wird Klassisches mit Modernem vermischt. Hier wird im Stil eines Rezeptes für chinesische Medizin eine Anleitung für die Anwendung von Freundlichkeit gegeben. Dies ist natürlich eine direkte Kritik am Verhalten der Polizei.
- Auf diesem Plakat von Anfang Oktober wird dazu aufgerufen, zu bestimmten Tageszeiten als Protest laute Geräusche zu machen. Die Aktion hat am 01.10.2019 stattgefunden, dem Jubiläum der Gründung der VR China und chinesischen Nationalfeiertag.
- Hier wird der berühmte Vergleich von Xi Jinping und Winnie the Pooh (tinyurl.com/y2jvnua6) aufgegriffen. „Stellt klar: Das sind Anweisungen des Zentralkomitees.“
- „Es gibt keinen Zweifel über die Todesursache?“ Insbesondere das Verhalten der Polizei und das Fehlen von unabhängigen Untersuchungen steht in der Kritik.
- Die Plakate sind zum großen Teil hochprofessionell gestaltet. Hier sind die gängigsten Slogans der Protestler zusammengefasst: „Fünf Forderungen und keine weniger. Hongkong zurückzuerobern ist die Revolution unserer Zeit.“
Mehr über Protestkunst in Hongkong:
Whitehead, Kate: Extradition bill art: the Hong Kong artists painting a picture of protests for the world, South China Morning Post, 18.07.2019
Hong Kong: The Art of Protest. Little Adventures in Hong Kong, 06.08.2019
Super schönes neues Layout für SAC-das Projekt scheint gerettet. Gut so-weiter si! Nora